Dienstag, 7. November 2017

8. Seite AutorInnen "Farbspiel" im Band "Gold"

























Meine Geschichte in dieser Anthologie:




Die Mitgift

Es war Winter 1915.
Agnes und ihre Mutter lebten in einer kleinen Stadt in Niederschlesien.
Gerade hatten sie die traurige Nachricht bekommen, dass Agnes Vater gefallen war.
Beide bangten nun um den geliebten Sohn und Bruder. Er war auch eingezogen.
Agnes Mutter arbeitete zwölf Stunden am Tag in der Tuchfabrik. Es war eine schwere Arbeit für die kleine zierliche Frau.
Abends kam sie erschöpft und müde heim.
Auf diesen Augenblick freute sich Agnes immer sehr.
Sie wohnten in einer kleinen Zweizimmerwohnung über einer Stellmacherei.
Die Tochter des Stellmachers war Agnes Freundin.
Wenn sie ihre Hausaufgaben erledigt hatten, verbrachten beide viel Zeit gemeinsam.
Als an einem dieser Winterabende,  ihre  Mutter heimkam, sagte sie: „Agnes, wir müssen noch etwas besprechen.“
„Ja Mutti“, sagte Agnes, „Geht es um meinen Beruf?“ Die Mutter sah Agnes mit müden Augen an und nickte zustimmend.
So lange Agnes denken konnte, wollte sie Krankenschwester werden.
Im kommenden Sommer würde sie die Schule beenden. Nun wurde es ernst.
Beide setzten sich in die molligwarme Küche und Mutter erzählte.
„Weißt du, ich habe heute im Stift einen Termin mit der Mutter Oberin gemacht. Wir sollen morgen am Nachmittag zu ihr kommen.“
„Oh, Mutti“, antwortete Agnes, „ich freue mich. Nun kann ich endlich Krankenschwester werden.“
Die Mutter schaute ihrer Kleinen hinterher, als sie nach einem Gutenachtkuss aus der Küche huschte.
Überglücklich lag Agnes in ihrem Bett. Malte sich aus, wie sie in dem langen weißen Kittel aussehen würde. In dieser Nacht träumt sie sogar davon.
Am anderen morgen sprang sie sehr zeitig aus dem Bett. Es war Sonntag, keine Schule!
Agnes musste ihrer Freundin Klara alles berichten. Klara wollte auch Krankenschwester werden.
Sie saßen beide auf der Ofenbank und schnattern wie zwei aufgeregte Gänse.
Gemeinsam stellten sie sich vor, wie sie die Kranken pflegen werden.
Ach das  wäre schön, seufzten sie.
Agnes verabschiedete sich von Klara, denn  pünktlich 15 Uhr sollten sie bei der  Oberin sein.
Dann war es soweit.
Als sie geklopft hatten, öffnete eine große dunkle Gestalt die Tür.
Agnes zuckte ein wenig zusammen und schmiegte sich fest an ihre Mutter.
Diese Frau flößte ihr Angst ein. Schnell ergriff sie schutzsuchend die Hand ihrer Mutter.
Die Oberin erklärte ihnen: „Wir gehen jetzt durch die Schlafsäle. Hier sind geistesgestörte Patienten untergebracht. Mit den Kranken sprechen, ist verboten.“
Kaum hatten sie den ersten Raum betreten, kam ein junger Mann auf sie zu.
Ein stattlicher Bursche. Agnes fand, dass er ein wenig wie ihr Bruder aussah.
Nur hatte er ein sehr kindliches Gemüt.
Er tänzelte dauernd um Agnes herum und sagte immerzu denselben Satz: „Johannes bittet um Schokolade, Johannes bittet um Schokolade!“
Agnes wurde traurig. Sie hätte ihm gern diese Bitte erfüllt.
Später, im Büro der Oberin, sollten noch die Formalitäten besprochen werden
Die Oberin fragte  Agnes Mutter nach den familiären Verhältnissen.
Als sie hörte, dass der Vater im Krieg gefallen war, sagte sie: “Dann müssen sie für alles allein aufkommen. Ich muss ihnen sagen, wenn ihre Tochter hier aufgenommen werden will, muss sie eine Mitgift mitbringen.“
Agnes erschrak, mit Gift, was ist denn das, dachte sie.
Ihre Mutter fragte in diesem Moment: „ Wie viel ist es denn?“
Nicht wie viel, sondern was, hörte Agnes die Oberin in barschem Ton sagen.
„Eine goldene Taschenuhr an einer goldenen Kette“, gab die Oberin zur Antwort.
Da senkte die Mutter den Kopf.
„Das tut mir leid. So etwas habe ich nicht und ich kann es auch nicht kaufen.“
Sie verabschiedeten sich und gingen.
Bis ins hohe Alter erinnerte sich Agnes an diesen Tag, als ihr Berufswunsch zerplatzte.
Johannes bittet um Schokolade…auch dieser Satz des jungen Patienten ging ihr nie wieder aus dem Gedächtnis.

Oft sagte später ihre Enkeltochter zu ihr: „ Ach Omi, erzähl mir doch die Geschichte von Johannes.“
„Kind“, sagte diese, „die habe ich Dir doch schon so oft erzählt.“
Ich hatte sie so oft gehört, aber wollte sie immer und immer wieder hören, ich,  ihre Enkeltochter Marion.


7. Seite AutorInnen "Farbspiel" im Band "Silber"

















Meine Geschichte im Band  Silber


Die Lehrerin


Als Rena in der 10. Klasse war zog sie zur Großmutter. Dort konnte sie  besser für die Prüfungen lernen und kam endlich etwas zur Ruhe.

In den nächsten Jahren, kam es vor, dass sie immer mal wieder zur Mutter zurück und sich wieder um die Geschwister kümmern musste.

Als sie im 2. Lehrjahr war, heiratete ihre Mutter den Vater, ihrer zwei Schwestern.

 Jetzt blieb sie für immer bei Großmutter.

In dem Haus wohnte eine Lehrerin. Bei ihr war sie schon als kleines Mädchen oft zu Besuch.

Rena erinnerte sich noch genau.  Die Mutter der Lehrerin saß immer in einem großen Sessel. Sie hatte schneeweißes Haar und einen gutmütigen Gesichtsausdruck. Wie ihre Großmutter. Bei solchen Menschen fühlte sich Rena sehr wohl. Stundelang konnte sie bei ihnen sitzen und zuhören, wenn sie aus ihrem Leben erzählten.

Nun, als Rena selber bald erwachsen war, hatte sich nichts daran geändert. Die Mutter von Uschi war schon lange tot, aber Rena saß noch immer gern bei ihr  in dem Zimmer und lauschte den Erzählungen.

In ihrer Nähe fühlte sie sich wohl und gut aufgehoben. Sie hatte so eine ruhige leise Stimme, wenn sie erzählte. Das löste in Rena Behaglichkeit aus.

 In den ersten Jahren hatte Uschi noch keinen Fernseher, aber es wurde nie langweilig mit ihr. Sie erzählte viel aus ihrem Schulalltag, sie bastelte mit Rena. Brachte ihr so manches bei, was sie zu Hause nie gelernt hatte.  Schön war es, wenn es Zeugnisse gab. Da setzten sie sich beide in Uschis  Wohnzimmer und Rena durfte die Zensuren ansagen. Das war immer wieder eine sehr wichtige Aufgabe, die Uschi ihr anvertraute.

Oft sind sie aber auch nur im Wald spazieren gegangen. Manchmal kam auch Renas Großmutter mit. Besonders viel Spaß machten die Winterspaziergänge.  Uschi war über zwanzig Jahre älter als Rena, aber auf diesen Wanderungen spürte man davon nichts. Sie alberten rum, machten Schneeballschlachten, um sich anschließend am warmen Ofen und einem Bratapfel aufzuwärmen. Uschi liebte Mireille Mathieu und immer, wenn im Fernsehen eine Sendung mit ihr kam, war sie abends bei Großmutter und Rena. 

Wenn Eiskunstlaufen oder Peter Alexander, Peter Frankenfeld oder Katharina Valente im Fernsehen liefen,  kam Uschi zu ihnen und sie machten sich eine gemütlichen Fernsehabend. Rena genoss diese gemeinsamen Stunden.  Was haben sie zusammen gelacht.  Großmutter und Uschi holten schon immer die Taschentücher raus, um die Lachtränen abzuwischen. Uschi hatte ein  wunderbares Lachen, das steckte an und Rena liebte es, denn dieses Lachen tat so gut.

Sie hatte noch nie so viel gelacht, wie mit Uschi.

Selbst als Uschi schon ein eigen Fernseher hatte und als Großmutter gestorben war, saßen Rena und sie sehr oft zusammen.

Sie war auch eine der ersten, denen Rena erzählte, als sie sich zum ersten Mal in eine Frau verliebte.

Uschis Reaktion war sehr verständnisvoll. Ihrer Freundschaft schadete dieses Coming out keineswegs.

Eher rückten sie noch ein Stück näher zusammen.



Eines Tages ging es Rena nicht so gut. Bauch und Herzschmerzen. Uschi war besorgt  um sie.

Es war schon spät abends, aber sie sagte, du bleibst jetzt schön liegen,  ich gehe ins Krankenhaus und hole den Notdienst. Widerspruch war zwecklos, denn sie hatte sich schnell ihren Mantel übergeschmissen und lief los. Hier hatten damals nur sehr wenigen privaten Haushalte Telefon.

Weit war das Krankenhaus nicht weg, aber es war kalt und dunkel draußen.

Es dauerte nicht lange und Uschi war zurück und blieb bei Rena, bis der Arzt kam.                                     Rena war es fast peinlich, aber die Schmerzen waren weg.

Der Arzt, der an jenem Abend Dienst hatte,  war ein Bekannter von Uschi .

Augenzwinkernd fragte er Rena, ob sie in der letzten Stunde mal aufstoßen oder sogar Winde lassen musste. Schüchtern senkte Rena den hochroten Kopf und bejate die Frage.

Dr. Wandler legte seine große Hand auf Renas und sagte: “Das braucht Dir nicht peinlich sein, aber wir wissen jetzt, was dir fehlt. Du hast eine vegetative Dysregulation.“ Wow, so etwas wichtiges. Er verabschiedete sich und sagte zu Uschi: „War trotzdem gut, dass du gekommen bist.“

Uschi blieb noch ein wenig bei Rena sitzen. Der tat es sehr leid, dass Uschi wegen so etwas  in der Nacht noch umhergelaufen war.  Für die aber,  war es selbstverständlich, so war sie eben.

So etwa sechs Jahre später, Rena wohnte mit ihrer ersten festen Partnerin zusammen. In der Zeit gingen einige Freundschaften in die Brüche oder wurden kleiner, nicht mehr mit einer innigen Nähe verbunden.

Uschi kam auch ab und zu  noch hoch, aber sie hatte wohl schon erkannt, dass diese Frau Rena nicht gut tat. Die aber wollte das lange Zeit nicht erkennen, aus Angst wieder allein zu sein.

Uschi war auch öfter krank und keiner konnte ihr so recht helfen. Ihre Familie war jetzt oft bei ihr, um nach dem Rechten zu sehen.

In einem Sommer musste Rena mit ihrer Partnerin zu einer Hochzeit fahren.

Sonntags kamen sie wieder nach Hause. Als  sie oben auf ihrem Flur ankamen, empfing sie die Nachbarin. Sie holte Rena zu sich rein. „Stell dir vor Kind, gestern ist Uschi gestorben.“  Rena schrie: „Nein, verdammt, das geht doch nicht.“ „ Doch, es ist wahr.“  Rena stammelte unter Tränen: „Ich konnte mich nicht mal von ihr verabschieden.“

Als sie in ihrer Wohnung ankam, wunderte sich die Freundin nur: „Weshalb heulst Du so?  Sie war kalt, wie eine  Hundeschnauze und fand kein Wort des Trostes für Rena.

In dieser Nacht lag Rena unbeweglich neben Frieda, die schon tief und fest schlief.

Rena weinte sich die Seele aus dem Leib und dachte an all die schönen Stunden, die sie mit Uschi hatte.

Nie wieder werden sie herzzerreißend lachen, nie wieder.

6. Seite AutorInnen "Farbspiel" im Band "Bronze"


 













Rena´s verpasste Chance

Rena erinnert sich an ihre Lehrzeit. Durch die das nicht so prima ausgefallene Abschlusszeugnis der 10. Klasse, wurde sie nun nicht mehr als Krankenschwesternschülerin im Krankenhaus B angenommen. Sie hatte Glück, eine frühere Mitschülerin, welche schon nach der 8. Klasse abgegangen war half ihr. Du, wir brauchen noch Leute. Bewirb dich  doch als Geflügelzüchterin bei uns.  Die sind jetzt gerade dabei den Betrieb zu vergrößern. Oben bei der neuen Russenkaserne wurde gerade eine neue Anlage mit mehreren Hallen in Betrieb genommen. Die Nachtweide hat drei Hallen und drei Ställe, das wird jetzt der Lehrbetrieb werden.

Rena überlegte, Geflügelzüchter? In Gedanken sah sie sich mit Kopftuch, eine Schüssel im Arm, draußen auf der Wiese. Sie griff in die Schüssel und bot den Hühner unter lautem Rufen von „Putt, putt, put, putt putt…kommt Fresschen machen.“ Ja, das konnte sie sich schon vorstellen. Also hatte sie sich beworben und wurde auch angenommen.

Elf neue Lehrlinge, zehn Achtklässler und Rena.

Ernüchterung, der Tag, als sie das erste Mal im Lehrbetrieb herumgeführt wurden. Nix mit putt, putt, putt und nix mit Wiese.

Drei 66 m lange Hallen, mit anfangs ca 20 000 Küken belegt. Die Mastzeit betrug knapp 8 Wochen und das Durchschnittsgewicht lag zwischen 1,6 und 1,8 kg. Dann noch 3 alte Ställe für ca. 2500  und einen kleineren mit der Hälfte.

 Jeden Morgen mussten die Hallen  und Ställe nach verendeten und kranken Tieren abgesucht werden. Es gab keinen Tag, an dem mal kein totes Tier gefunden ward. 

Die natürliche Auswahl funktioniert. Manchmal fand man auch eins mit Kreuzschnabel, die mussten sie dann töten. Oh das machte Rena nie gern. Wenn es noch ganz kleine Küken waren, sah man das noch nicht so. Da war nur ein großer gelber wimmelnder Fleck zu sehen. Wenn sie dann  ihr weißes Federkleid haben und größer sind, also ca in der 5. Woche, sieht man die Missbildungen und auch die verdrehten Läufe besser. Die blutenden Küken bzw. Hühner findet man leichter. Auch diese wurden ausgemerzt, denn die gesunden knabberten an den Verletzten rum. Das musste man unterbinden.

Die Ställe mussten noch per Hand gefüttert und getränkt werden. Das hieß 25 m etliche Male mit zwei 10 l Eimern hin  und her. Mal um Futter zu verteilen und die Tränken zu füllen. Eine schwere körperliche Arbeit. In den Hallen gab es schon die modernste Technik.

Ein Futtersilo vor der Halle, im Vorraum dann der Mischbehälter. Hier wurde Zusatztfutter aus Säcken oder Medizin untergemischt. Medizin war zum Beispiel Flaschen voller Lebertran.  Für bessere Mastergebnisse, mussten wir alte Hefe, die aus Großbäckereien kam unter das Futter bröckeln. Ja und dann hätte es auf Reisen gehen können, wenn….Ja wenn nicht wieder mal die Anlage streikte. Also hieß es auch hier, in jede Hand einen 10 l Eimer mit Futter in die Halle tragen und das so oft, bis die Futterschüssel voll waren. Wenn dann die Tränken auch wieder nicht liefen, mussten auch die mittels Wassereimer gefüllt werde.  Ein Eimer füllte 2 Tränken. Da wusste man bei Feierabend auch, was man gemacht hatte. War für das leibliche Wohl der Tiere gesorgt, ging es ans Ausmisten. Rena erinnert sich, wie oft die großen Tränken in der Mitte entlang der Halle übergelaufen waren, weil sie verstopft waren. So hieß es, Karre reinholen, Mistgabel und Schaufel schnappen und sie langsam von Anfang der Halle bis zum Ende durcharbeiten. Hatte man Pech, war um jede Tränke ein riesiger nasser Fleck, der raus musste. War das erledigt, musste frisches Stroh oder Sägespäne reingeholt werden.

Rena liebte die Zeit nach einer Vermarktung. Wenn alle Broiler weg waren. Dann kam der    RS 09  zum Einsatz. Der Heizer hatte die Tore hinten an der Halle geöffnet und schob den Mist raus. Die Frauen brauchten nur mit der Schippe aus den Ecken den Dreck holen und im nu war die Halle leer geschoben. Dann rauf auf den RS 09 mit Ladefläche. Das duften sie sogar selber, auch ohne Fahrerlaubnis. Manch eine hatte Angst und wollte das nicht. Rena störte das nicht, sie fuhr gern.

Es gab noch viel zu tun, alle Tränken  und Futterschüsseln einsammeln,  Schläuche, Futterrohre usw. Alles musste jetzt gewaschen und desinfiziert werden. War die Halle völlig entkernt, ging es hier mit Wasserschläuchen und Desinfektionslösungen an die Säuberung.

Vom Fußboden bis zu den Wänden, in alten Hallen noch die Fensterfronten und die Lüfter. Alles musste so sauber sein, als ginge die Halle das erste Mal in Betrieb.

Was dem ganzen aber voraus ging, war die Vermarktung. Da die Tiere oft noch einen Transport in die Schlachthöfe vor sich hatten, begann so ein Tag meistens schon um 4 bis 5 Uhr morgens.

Die Frauen wurden  in Fänger und Träger eingeteilt. Da hatten sich schon Spezialgruppen gebildet. Es gab eben gute Fänger und der Rest waren Träger. Das kann doch jeder, oder Rena?

Von wegen, denkt Rena, wenn man so kleine Hände hatte wie sie, war man entweder kein guter Träger und hatte abends dicke schmerzen Hände, die sich dann irgendwann zur sehr starken Sehnenscheidenentzündung ausbildeten.. Irgendwann war klar, Rena braucht Berufsveränderung. Erst mal die Lehre fertig machen und dann werden wir sehen.       

Zu dem ganze brauchte Rena einen Ausgleich. FDJ-Arbeit wurde in der Zeit viel geleistet.

Rena machte schon eh und je  die Wandzeitungen. Da war sie gut drin. Auch dem Chor der LPG hatte sie sich angeschlossen. Irgendwann ging der Chorleiter und die Kollegin, welche diese Aufgabe übernommen hatte, verlies den Betrieb. Nun hatten sie keine kulturelle Jugendarbeit mehr. Rena hatte in der 10. Unter Fräulein Deerberg im Werihnachtsmärchen mitgewirkt. Nur eine kleine Nebenrolle im Kalif Storch. Doch so etwas machte ich Spaß. Organisieren, leiten und natürlich auch spielen. Verkleiden, in andere Rollen schlüpfen, das  gefiel ihr immer. Nur nicht sie selbst sein, wer war sie schon?

Bei der nächsten großen Hauptversammlung wollte sie mit ein paar Jugendfreunden etwas vorführen. Sehen, wie es ankommt, testen, ob es sich lohnt, eine Kabarettgruppe ins Leben zu rufen.

Gefeiert wurde in der Bar des Hotels. Och, was waren die zwei Protagonisten aufgeregt.

Schnell noch ein Glas Rotwein gegen die Aufregung. Dann bekamen sie von ihrer Lehrausbilderin ein Zeichen. Sie schnappten ihre Beutel und verschwanden im WC.

Umziehen, schminken noch mal durchspielen, da wurde ihnen schon gesagt,  ihr  könnt jetzt.

Sie stellten sich vor die Tür und hörten, wie sie gerade angekündigt wurden. Nun gab es kein Zurück mehr.

Alleine Hereinkommen erzeugte schon ein wahnsinniges Gelächter.

Rena überlegt, aber sie kann sich beim besten Willen heute nicht mehr an den Sketsch erinnern. Sie weiß nur noch, dass sie auch Tango tanzen mussten. Den ganzen Gang zwischen den Tischen haben sie vermessen. Dann war es auch schon vorüber. Das war eine Freude. Alle waren begeistert und unbedingt dafür, das Rena hier etwas draus macht.

Auf dem WC beim Umziehen kicherten die zwei, man hatte das Spaß gemacht.

Der Abend wurde noch sehr feucht fröhlich. Dixi komm mit an die Bar, ich will dir einen Ausgeben. Den Satz hörte sie nicht nur einmal und jeder gab etwas anderes aus.

Gut dass sie heute bei ihrer Mutter schlief, da war sie um zwei Ecken zu Hause.

Die kleinen grauen Zellen tanzten am anderen Morgen noch Tango.

In den nächsten Wochen wurde geplant, beraten, Mitwirkende gesucht und dann stand die

Kabarettgruppe der LPG „Max Reimann“.

Feste Probezeiten, kleine Auftritte in eigen Betrieb und dann war er da  der Tag X.       





Aufgeregte  packte Rena ihren Koffer. Hoffentlich geht heute Abend auch alles glatt.

Ein letzter prüfender Blick in den Koffer.

Das Jackett vom Großvater, der Schlips, einen ollen Hut, alte Männerschuhe, dicke Socken,

Schminke und zwei Perücken. Ja, das war es. Alles da, dachte Rena.

Lautes Hupen riss sie  aus ihren Gedanken. Der „Dienstwagen“ ein LKW  war da.

Ja, so reiste die Landjugend der 70er.

Sie waren jung und unternehmungslustig. Vier Bänke auf der Ladefläche reichen da völlig aus, um sich wohl zu fühlen.



An diesem Tag ging es ja nach Ziepel, eine halbe Stunde Fahrt.

Vor ein paar Wochen waren sie mit dem LKW sogar in Leipzig zur AGRA, Landwirtschaftsausstellung der DDR in Markkleeberg. Da tat sogar den jungen Landeiern der Hintern weh, als sie wieder zu Hause waren. Aber lustig war es.

Heute kann das nicht passieren. Ziepel ist entfernungstechnisch nicht Leipzig.

Die halbe Stunde halten wir schon durch beruhigte sich Rena. Na gut, die Straße dorthin, ist die reinste Holperpiste, aber da müssen wir durch.



Der LKW bremst, alle kippten auf eine Seite, das Gelächter war groß.  Rena wusste, jetzt war Schluss mit lustig. Aufregung macht sich in ihrem Bauch breit.

Nach und nach entstiegen sie ihrer „Landjugendlimousine“.

Koffer nicht vergessen, ermahnte sich Rena.

Ihre Truppe und sie standen etwas verlassen auf dem Bürgersteig vor dem Landhaus Ziepel.

Es herrscht ein reges, buntes Treiben. Bunt? Na ja, ich sehe fast nur blau.
Heute ist schließlich Tag des Kulturellen Leistungsvergleichs der Landjugend.

Viele der Jugendfreunde tragen ihr FDJ-Hemd. Rena auch. Sieht immer chic aus, so frischgewaschen und gebügelt.

Jetzt kommt ein kleiner Junge, der selbstverständlich sein schönes weißes Pionierhemd und das blaue Halstuch trägt, auf ihre Gruppe zu. Er begleitet sie zu ihren Plätzen.



Die Spannung steigt von Minute zu Minute.

In der ersten Reihe sitzen Funktionäre der FDJ und des Kulturrates. Sie werden später über die Platzierungen entscheiden.

Dann beginnt der Wettbewerb. Theatergruppen, Chöre und Singeclubs stellen ihre Programme vor. Die sind alle richtig prima.

Hier einen der ersten Plätze zu ergattern, wird nicht leicht.



Jetzt wird es ernst. Sie werden hinter die Bühne geholt.

Umziehen, schminken, den Text noch mal durchgehen.

„Liebe Jugendfreunde, sie sehen jetzt die Kabarettgruppe der LPG „Max Reimann Burg.“



Gerade begonnen, schon ist es vorbei.

Auf einmal tobenden Beifall. Das war es schon? Wir sind fertig? Scheinbar haben wir es ganz gut gemacht.

Noch ein Vorhang, Verbeugung, der Hut fällt vom Kopf, die Perücke verrutscht, tobender Beifall gemischt mit heftigem Gruppengetrampel.

.

Es folgen  bange Stunden des Wartens.  Man vertreibt sie sich  mit Tanzen und Reden.

Dann ist es soweit. Die Musik verstummt, als ein junger Genosse tritt vor den Vorhang.



„Liebe Genossen, liebe Jugendfreunde, liebe Gäste“ höre ich ihn sagen.

Es folgt eine längere Dankesrede.

Von all dem politischen Vorgeplänkel  bin ich schon leicht betrunken, oder liegt es an den 1, 2 Bierchen, die wir getrunken haben?

Soeben wurde der vierte Platz bekannt gegeben. Na ja, denkt Rena, dann hat es nicht geklappt.

Bei so vielen guten Darbietungen rechnet sie sich keine Chance mehr aus.



„Dritter Platz und  somit die bronzene Medaille, geht an die Kabarettgruppe der LPG „Max Reimann Burg.“



Wie? Was? Wir auf dem dritten Platz?  Rena ist so aufgeregt, wie selten.

Dritter Platz im Kulturausscheid der Landjugend des Bezirks Magdeburg.

Das haut uns um.

Nach ein paar Bierchen mehr, die auf diesen Erfolg noch getrunken werden, geht es  jetzt mit unserer „Limousine“ zurück nach Hause.

Alle sind selig, am Meisten aber Rena vom Erfolg und vom Bier.

Was sie nicht wissen konnten, im Publikum saßen auch Mitglieder des Arbeitertheaters Magdeburg.

Einige Wochen später bekam Rena Post:

Liebe Jugendfreundin Rena,

 wir bitten dich, am:……  um:……im Arbeitertheater Magdeburg zu erscheinen……zum Vorsprechen..

Rena hatte Angst und wollte, dass einer mit ihr mitfuhr. Weil sie niemanden fand, fuhr sie nicht.

Manchmal fragte sie sich schon, ob sie damit eine Chance verpasst hat.

Aber, das ist okay und ich trauere dem nicht nach.

Nach Beendigung der der Lehre, arbeitete sie noch ein halbes Jahr dort und ging dann doch in ihr geliebtes Krankenhaus.